Auf den Hund gekommen

 

Dieser Köter da unten ging mir auf den Geist. Sein schrilles Kläffen hämmerte gegen mein Trommelfell. So eine rüde Mischung aus Spitz und Terrier. Und jetzt setzte er noch einen Haufen direkt neben die Speisetafel des Bistros an der Uferpromenade.

Ich konnte von meinem Fenster im ersten Stock gut sehen, wie ein etwa 50jähriger Mann, der eben noch mit einem Eishörnchen in der Hand in der Nähe des Kläffers stand, sich abwandte und raschen Schrittes davonging.

Der ist sich wohl zu schade, eine Plastiktüte aus der Dog-Station zu nehmen und den Hundehaufen zu entsorgen. Oder es war ihm peinlich. Der Hund machte keinerlei Anstalten, dem Mann zu folgen. Er tanzte noch einige Pirouetten um sein Werk. Ich dachte, hoffentlich fängt er nicht an zu scharren. Die Gäste an den Tischen des Bistros blickten bereits pikiert bis ängstlich um sich, nach Deckung  spähend. Doch der Hund verlor das Interesse an seiner Hinterlassenschaft und trollte sich ohne Eile in die Richtung des vermuteten Herrchens.

Die Leute an den Tischen dachten wohl wie ich. Und sie schimpften „So eine Ungehörigkeit!“ oder „Jetzt stellt die Stadt von unseren Steuern diese Tüten bereit und die sind zu faul, sie zu nutzen.“ Eine elegant gekleidete Dame schickte dem Hund ein „Scheiß Köter!“ hinterher. Was ich von ihr nicht erwartet hätte.

Ich konzentrierte mich wieder auf meine Arbeit und vergaß die Szene auf der Promenade unter mir. Ich kam aber mit meinem Text nicht voran. Für die Wochenendausgabe der Lokalzeitung musste ich die Kolumne Geschichten, die das Leben schreibt füllen. In solchen Situationen der absoluten Einfallslosigkeit tu ich mir keinen Zwang an. Ich lasse alles liegen und stehen und geh nach draußen. So auch jetzt. Ich prüfte die Dog-Station. Sie schien noch gefüllt. Der Hundehaufen protzte in voller Pracht. Für die Größe des Köters eine stolze Leistung. Ich dreht eine Runde bis zum Containerhafen. Die Wasserschutzpolizei hatte bereits an ihrem Liegeplatz festgemacht. Auf dem Rückweg zur Rheinpromenade wäre ich im Gedanken fast in die verlassene Tretmine gelaufen.

Ich setzte mich an einen Tisch vor dem Bistro, um noch einen Drink zu nehmen und meine neuesten Einfälle schriftlich festzuhalten. Das freundliche Mädchen, das sie dort gerade als Aushilfsbedienung einsetzten, schenkte mir auf meine Bitte drei Blätter ihres Bestellblocks. Während ich mit der rechten schrieb und mit der linken das Glas zum Mund hob, fühlte ich einen feuchten Druck am Schienbein. Der Pinscherrüde war wieder da und schnupperte an meinem Bein. Bevor er auf die Idee kommen sollte, sein Bein zu heben, schimpfte ich ihn weg: „Hau ab du Köter!“

Seit seiner vorherigen Missetat hatten die Gäste im Umfeld natürlich gewechselt. Sie hatten deshalb nicht meinen Wissensstand. Sie  kannten die Vorgeschichte mit dem Hundehäufchen nicht.

„Nun seien Sie doch nicht so grob zu dem Hund!“, keifte eine Frau, so ein Typ Gouvernante, wie er mir schon aus meiner Kindheit nicht sympathisch war. Ich sollte mich rechtfertigen, aber da tönte es von hinter mir „Und nehmen sie das Tier an die Leine!“  Ich hatte keine Lust alles zu erklären. Es war bereits ein Dutzend unfreundlicher Augen auf mich gerichtet. Für Lynchjustiz war der Anlass nicht angemessen, dieser Erkenntnis hielt ich die Leute hier schon fähig. Den Hund hatten sie mir bereits zugeordnet. Ich eilte ins Innere des Lokals, bezahlte mein Bitter Lemmon und stahl mich davon. Der Hund, das konnte ich gerade noch wahrnehmen, hob sein Hinterbein und pinkelte an den Stuhl, auf dem ich vorher saß, so wie um das gemeinsame Revier zu markieren. Die letzten Wortfetzen der zurückgelassenen Gäste verwehten auf meiner Flucht. Was ich noch verstehen konnte klang nicht sehr freundlich. Der Köter folgte mir auf den Fersen. Er war nicht abzuschütteln.  Ich hastete weiter. Der Hund blieb stehen, er beschnüffelte eine kokette Blondine, solo auf einer Bank, und schmuste sich ein. Und schon hatte er ihr linkes Bein umklammert. Guter Geschmack, dachte ich noch, aber rüdes Benehmen. Immerhin war er jetzt an Frauchen fixiert.

 

Bei Roccos Ristorante glaubte ich ihn dann endlich abgeschüttelt zu haben. Ich sprang die Treppen hoch zur Veranda und bestellte einen Caipirinha. Die mixen da echt gekonnte Cocktails. Die Blätter des Bestellblocks in meiner Hemdtasche erinnerten mich an meine Arbeit. Die Ausgangslage war gut: Ich hatte was erlebt, den Köter war ich los, der Caipirinha war perfekt. Den ersten hatte ich zu schnell hinuntergestürzt. Ich bestellte einen zweiten. Die untergehende Sonne veredelte die Rheinbrücke zur Golden Bridge. Ich hatte das letzte Blatt gerade beidseitig beschrieben, da stand das Ungeheuer vor mir. Ein riesiger Bluthund hatte sich bedrohlich vor mir aufgebaut. Die glutroten Strahlen der schon tiefstehenden Sonne brachten das Fell des Monsters zum Phosphorleuchten, die Reflexion seiner Konturen zeichnete ihn in unentrinnbarer Größe. Der Geisterhund von Baskerville oder eine Kopie.  Seine gefletschten Zähne gaben mir zu verstehen: Versuche nicht zu fliehen! Der Schreck hatte alle meine Reflexe gelähmt. Für Mut zutrinken war es ohnehin zu spät. Das Quantum Alkohol der beiden Caipirinhas reichte nicht aus.

Ich musste erbärmlich ausgesehen haben.

Der Ober hatte ein Nachsehen mit mir. „Das ist doch nicht Ihrer?“

Er scheuchte den Hund weg. Eine Wolke zog über die Sonne. Das Monster schrumpfte zurück auf Pinschergröße. Die Rheinbrücke hatte ihre vertraute Mennigefarbe wieder. Und ich hatte die rettende Idee, falls der Köter wieder auftauchen sollte. Ich zahlte und war mir fast sicher, nach wenigen Schritten wäre mein Hund zur Stelle. Nein nicht meiner, dieser Hund. Aber meine Idee war gut, glaubte ich.

Das bekannte Kläffen neben mir gab das Signal zum nächsten Akt: Dass der Hund ein Halsband trug, hatte ich schon beim Bitter Lemmon bemerkt. Dass keine Hundemarke dran war, auch. Ich nahm jetzt den Weg auf der Stadtseite der Häuser entlang der Uferpromenade. Ich wollte mich an der zu dieser Zeit recht belebten Promenade nicht mehr zusammen mit dem Hund sehen lassen. Mein Ziel war eine kleine Werft gegenüber dem Eingang zum Containerhafen. Dort gab es  verschiedenes Schiffszubehör zum Beispiel Leinen meterweise. Vielleicht hatte er noch geöffnet. Er hatte und man empfahl mir ein handwerklich wertvolles und besonders haltbares Seil. Dass ich nur eine Hundeleine brauchte, verriet ich nicht. Etwas enttäuscht reagierte der Verkäufer, als ich nur zwei Meter von der Ware wollte.

Auf dem Weg zu meiner Wohnung an der Promenade lag ein Stück Hafenbecken, wo der Weg zur Straße durch ein mannshohes Mauerwerk uneinsehbar war. Das schien mir geeignet, den Hund los zu werden. Ich setzte mich auf eine Bank. Der Hund nahm etwas außerhalb meiner Reichweite Platz, wedelte fröhlich mit dem Schwanz, den Boden hinter sich blank fegend, mit aufgestellten Ohren, erwartungsvoll hechelnd. Ich kam mir tückisch und gemein vor. Fast hätte ich meinen Plan verworfen. Morgen würde ich heimlich vorbeischauen, ob er noch da wäre. Ob er vielleicht Nahrung und Wasser brauchte. Das schien mir gleich wieder zu riskant, vielleicht würde es jemand bemerken. Ich sollte besser ein anonymes Schreiben an die Stadt oder an ein Tierheim in der Nähe verfassen, damit man ihn abholen konnte.

Inzwischen hatte es der Hund gefühlt, was ich vor hatte. Dass ich ihn gefangen nehmen und aussetzen wollte. Sein trauriger Blick brannte sich in mein Herz. Er lief nicht weg. Er lieferte sich mir aus.

Trotz der zwei Caipirinhas war ich nüchtern genug, mir keine Sentimentalitäten leisten zu wollen. Ich nahm ein Ende der Leine, stand auf und zog es flugs durch das Halsband. Er ließ es mit sich geschehen. Ich hatte Tränen in den Augen. Aber es musste sein. Ich hatte gute Gründe, mir keinen Hund zu halten. Ich zählte sie auf, und musste immer noch einen dazu suchen. Mein Hund hatte sich in sein Schicksal ergeben. Er setzte sich schwermütig auf seinen eingezogenen Schwanz, dann ließ er sich erst auf das linke Vorderbein sinken, dann auf das rechte. Es war kein Winseln, eher ein Seufzen was durch seine Lefzen drang, ganz tief aus seinem Hundeherz. Die andere Seite der Seemannsleine befestigte ich an der Bank. Ich würde daheim sofort ein Tierheim anrufen. Ich hatte noch einen Analoganschluss, man würde die Rufnummer nicht erkennen. Man würde den Hund sicher gleich retten.

Immer wieder vorsichtig  über die Schulter blickend, eilte ich nachhause. Dort suchte ich im Telefonbuch nach einem Tierheim. Der Ton der Frauenstimme aus dem Heim verriet mir, dass meine Geschichte durchschaut wurde. Die Frau schien Schlimmes gewohnt.

Meine Wohnung lag wie gesagt im ersten Stock eines Hauses an der Rheinpromenade. Dort wo mich vorhin an den Tischen des Bistros noch die strafenden Blicke der Gäste trafen, weil ich so ein schlechter Hundehalter sei. Hoffentlich waren es alles Fremde, aber die meisten Besucher der Rheinpromenade waren ohnehin Tagestouristen.

Die Klingel meiner  Haussprechanlage schlug an.

„Ja, bitte?“ Keine Antwort.

Ein Klopfen direkt an der Wohnungstür sagte mir warum. Sicher ein Hausbewohner. Leichtsinnigerweise  öffnete ich. Der Blick der Gouvernante vom Tisch vorher neben mir traf mich wie ein strafendes Schwert. „Sie haben ihren Hund ausgesetzt! Ich sollte Sie anzeigen.“ 

Mein Schicksalshund hatte eben noch dezent zur Seite geblickt, jetzt hob er das Köpfchen, legte es etwas schräg und verzog mit glänzenden Augen die Lefzen. Ich glaubte er grinste. Ja wirklich, er schien mir nicht böse zu sein, nur belustigt.

Das half meinen Überlegungen auf die Sprünge.

„Kommen Sie doch bitte herein!“

„Nein danke, Sie brauchen nur Ihren Hund zu nehmen.“

„Es ist nicht mein Hund. Es ist Ihr Hund! Sie haben ihn an der Leine. Ich habe seit meiner Kindheit keinen Hund mehr. Wenn Sie mich weiter belästigen, rufe ich die Polizei!“

Fast hätte ich mich versprochen und Tierheim gesagt. Jetzt war die Frau baff; sie fing an zu stottern:

„Aber Sie, Sie waren, waren doch vorhin unten am Tisch mit Ihrem … mit dem Hund?“

„Mein Hund ist es nicht, das lässt sich beweisen. Es ist Ihr Hund. Ihr Hund hat mich belästigt! Er hatte sogar ein Häufchen gemacht und Sie haben es nicht beseitigt. Das ist die Wahrheit. Und das wird mit einem Verwarnungsgeld geahndet.“

„Es ist aber doch nicht mein Hund.“

„Meiner erst recht nicht!“

Ich fühlte mich bei dieser Argumentation nicht wohl. Der Hund merkte es. Ich durfte ihn eigentlich nicht unter die Obhut dieser Gouvernante kommen lassen, das hatte er trotz seiner Aufdringlichkeit nicht verdient. Ein Hund ist schließlich auch ein Geschöpf Gottes. Indirekt.

Aber ich konnte ihn wirklich nicht behalten. Ich hatte meinen Hauptwohnsitz bei meiner Lebensgefährtin eine Stadt weiter. War nur tageweise in dieser Wohnung. Um ungestört arbeiten zu können. Nicht um drei bis viermal täglich Gassi zu gehen. Obwohl, das konnte er ja alleine ganz gut.

Meine Lebensgefährtin hatte eine Hundeallergie. Zu ihr konnte ich den Hund nicht mitnehmen. Also blieb nur die Gouvernante. Das schien der Hund ebenfalls verstanden zu haben. Er schmiegte sich an sie. Sie nahm jetzt den gebotenen Sitzplatz an. Sie verstand, sie konnte nichts beweisen. Gedanken versunken streichelte sie den Hund. Er begriff schnell. Er schmiegte sich enger an sie. Vielleicht erregte ihn ihr Geruch. Meine Nase ordnete ihn  irgendwo zwischen Uralt Lavendel und Mottenkugeln ein. Den Hund schreckte das nicht. Er sprang auf, klammerte seine Vorderpfoten um ihr linkes Bein und tat, was der Gouvernante sehr  peinlich war.

„Sehen Sie!“  

Sie sah es ein.

„Pfui, lass das, wir gehen!“

Sollte ich je wieder einen Hund haben wollen, so einer müsste es sein!

 

Copyright Bruno Woda, 2011