Noch was zu erledigen

 

„Und, wie lange noch?“

„Willst du die Wahrheit wissen?“

„Unter Freunden üblich!“, erwiderte Franz trotzig.

„Tage - vielleicht ein Jahr.“

Das war vorgestern. 

Tage, vielleicht ein Jahr, sollte er ab jetzt jeden Tag zählen?

 

Im Freundeskreis machten sie gerne Scherze, wenn es um das Thema Vorsorgeuntersuchung ging: Ihr wisst doch, ein guter Arzt findet immer was. Bei ihm war es Fatalismus oder Angst, dass er die Angebote der Krankenkasse nicht wahrnahm. Seine Frau, seit letztem Jahr verstorben, hätte ihn vielleicht überzeugen können.

 

Es klingelte. Gleich darauf klopfte es knöchern an der Wohnungstür, dreimal. Hat der Alte unten wieder die Haustür geöffnet. Er hatte ihm so oft gesagt, das solle er lassen. Es klingelt, man öffnet die Wohnungstür und schon steht einer vor einem. Wer weiß, was für einer. Dabei hat das Haus eine Gegensprechanlage. Der Alte war früher Pförtner und saß jetzt stundenlang an seinem Fenster zur Haustür. Es ging ihm nicht in den Kopf, es jedem Mieter selbst zu überlassen, wem man öffnen wollte.

Es klopfte nocheinmal. Tok, tok, tok. Etwas heftiger. Franz schlich zur Tür, öffnen traute er sich nicht.

„Ja, wer ist da?“

Keine Antwort, nur ein klapperndes Geräusch.

„Hören Sie? Wer ist da?“

Zu dumm, dass die Wohnungstür keinen Spion besaß. Dann kam ihm ein schrecklicher Gedanke. Tage kann ja auch nur zwei Tage bedeuten. Wieder das klappernde Geräusch. Er zitterte.

„Einen Moment, ich zieh mir nur was über!“, log er. Aber kalt war es ihm doch geworden. Und er war noch nicht so weit. Etliche Dinge mussten geregelt werden. Also blieb nur die Flucht. Verhandeln hätte keinen Sinn. So viel Spielraum gab es nur im Märchen.

Seine Wohnung lag im ersten Stock. Der Balkon zur Nachbarwohnung im Nebenhaus nur knapp einen Ellbogen weit weg. Er hatte sich oft ausgemalt, wie man hinüberklettern könnte, falls die Wohnung brannte. Der Grundschullehrer in der Nachbarwohnung war ein Frischluftfanatiker. Wenn er zur Arbeit ging, ließ er die Balkontür offen. Es ging ganz schnell. Das Nötigste steckte Franz in die Taschen seines Jacketts und in die Hose. In die Umhängtasche gab er den Ordner mit dem roten Aufkleber. Den hatte er gleich nach dem Tod seiner Frau angelegt und jährlich aktualisiert.

Er verließ das Haus durch den Hintereingang, lief zum Taxistand. Das Hotel in der Stadt zwei Autostunden flussabwärts kannte Franz von früheren Tagungen. Die Zimmer zum Fluss besaßen kleine Balkone gegen Wind geschützt. Ein schöner Platz, um die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings zu genießen. Sie hatten ein Zimmer frei.

 

Ob der immer noch vor meiner Wohnungstür steht und klopft, dachte Franz. Er musste grinsen. Ein, zwei Tage wollte er sich hier gönnen, sollte ja nicht für ewig sein.

Sehr bequem fand er es auf dem Stuhl am Balkon nicht, aber die Strahlen der Aprilsonne wärmten sein Gemüt. Er schloss die Augen und hörte Klaus Hoffmann singen Adieu Emile ich sterbe nun … es ist schwer, wenn man im Frühling stirbt, du weißt. Ich geh mit Frieden in der Seele.

Er dachte an Cäcilia. Sie hatte ihm damals erklärt, sie würde mit ihrer Freundin aufs Land nach Oberbayern ziehen. Gerade nach Oberbayern. Jahre her. Sie hätte besser einen toleranteren Platz für solche Zweisamkeit wählen, am besten einen rechtschaffenden Mann heiraten sollen. Es würde ein langer Brief werden. Gleich nachher wollte er beginnen. Er liebte seine Tochter. Sie war längst erwachsen, hatte das Recht auf ein selbstdefiniertes Glück. Nur wie sollte er das sagen, damit sie es nicht missverstehen würde.

Vorher wollte er noch zur Sparkasse gehen. Sein Sohn konnte eine größere Überweisung gut gebrauchen. Jetzt wo seine Freundin im sechsten Monat war. Die Summe sollte für die Zeit bis zum Abschluss seines Studiums reichen und der jungen Familie wenigstens die Geldsorgen ersparen. Der Satz man gründet erst eine Familie, wenn man sie auch ernähren kann war nicht mehr ungesagt zu machen. Es ging ihm nicht um Dankbarkeit oder Recht haben, vielleicht um etwas Vergebung.

Franz klapperte im Gedanken alle seine Freunde ab, von denen er wusste, dass sie schwer erkrankt waren. Lange hatte er nicht mehr mit ihnen gesprochen, kaum noch an sie gedacht. Sie alle schloss er jetzt in sein Gebet ein: Vater unser … und gib ihnen die Kraft, mit ihrer Krankheit fertig zu werden oder zu genesen. Für sich selbst zu beten, scheute er, fand es ungehörig.

Der Brief an die Tochter hielt Franz die halbe Nacht wach. Er setzte immer von neuem an. Es gab genug Briefpapier in der Ledermappe am Schreibtisch. Sie würde sich vielleicht wundern, wieso auf dem Papier das Logo eines Hotels stand. Aber dass Vater ihr einen so langen Brief schrieb, würde sie mehr beschäftigen. Glücklich und zufrieden schlief Franz in den nächsten Tag.

 

Er genoss das reichhaltige Frühstücksbuffet des Hotels, achtete darauf, nichts auszulassen, was ihm schmeckte, achtete nicht auf die Kalorien.

Die Überweisung des Geldbetrages an den Sohn ging flott vonstatten. Der Bankangestellte half ihm beim Ausfüllen des Formulares. Zurück nahm er den Zug. Am Bahnhof steckte er den Brief in den Postkasten. Alles, was sein musste, war getan.

 

Als er in die Straße zu seinem Wohnhaus einbog, fühlte er sich so unbeschwert, wie lange nicht mehr. Er zog den Hausschlüssel aus der Tasche, da hörte er den Summton des Türschlosses. Der Alte hatte bereits geöffnet. Er pflanzte sich mit fröhlichem Blick, die Hände in die Hüften gestemmt, vor ihm auf.

 

„Endlich, ich dachte schon, sie seien verstorben. Ich hab ihr Paket neulich angenommen. Der Mann vom Lieferdienst hatte geläutet und mehrmals an ihre Wohnungstür geklopft. Sie hätten ihn vertröstet, würden gleich öffnen. Dann gab er die Sendung bei mir ab und meinte:

"Sowas sei ihm noch nie vorgekommen.“

 

 

Als ich die Geschichte in der Seniorenresidenz Grafenberger Wald in Düsseldorf gelesen hatte, folgte erst nachdenkliches Schweigen. Dann dankte das erlesene Publikum mit vitalem Applaus, vielleicht mehr für die zuvor gelesen Kurzgeschichten aus den Anthologien "Schreibaffären" und "Mallorca mörderisch genießen" sowie dem Roman "Unschuldig?". 

 

Haben wir nicht alle noch was zu erledigen? Und wenn es nur die aufgeschobene Mail an einen Menschen ist, dem man etwas bedeutet.