Zwischen den Jahren

„Macht‘s gut zwischen den Jahren!“

Wir hatten nichts Intelligenteres von ihm erwartet.

Er war erst sechs Wochen dabei. Ein junger Wichtigtuer, der die Abteilung verstärken, frischen Wind in die Altherrenriege bringen sollte. Immerhin, in anderen Firmen bauten sie eher Personal ab.

Sven hatte er sich vorgestellt und weil ihn die altgedienten Kollegen abwartend anstarrten, fügte er hinzu: Sven Meyer, mit Ypsilon.

„Frohes Fest und guten Rutsch!“, erwiderten wir.

Meyer hatte das Ohr bereits wieder an seinem Smartphone:

„…  Hi Lisa, man sieht sich.“

Zwischen den Jahren fehlte noch, dachte ich.

Wir waren ein eingespieltes Team, erledigten unsere Arbeit routiniert. Vor Weihnachten meist im Stress, es war einiges liegengeblieben, aber jetzt hatten wir ja Verstärkung.

Ich wollte nicht unfair sein, das blöde Zwischen den Jahren hatte ich von den Kollegen auch schon gehört. Ihre Sache.

Nach Dienst ging jeder seine eigenen Wege. Zwischen Weihnachten und Neujahr blieb die Verwaltung geschlossen, nur Lager und Versand arbeiteten und ein Notdienst natürlich.

Ich hatte mir für die kommenden Tage einiges vorgenommen. Da waren zunächst die Antwortschreiben auf Weihnachtskarten von Freunden, Bekannten, Geschäftspartnern, die nichts Besseres zu tun hatten, als einmal im Jahr ihre Fähigkeit, Karten zu schreiben unter Beweis zu stellen.

Dann etliche noch in diesem Jahr zu begleichende Rechnungen, Last-Minute-Versicherungsangebote, die angesammelten losen Briefmarken ins Album stecken, die alten Dias ordnen, oder wie mein Sohn meinte: digitalisieren. Dafür allein reichten die paar Tage nicht aus.

Ich sollte noch was mit der Familie unternehmen.

Zuhause empfing mich meine Frau frohgestimmt:

„Was machen wir zwischen den Jahren?“

„Jetzt muss ich mir diesen Schwachsinn sogar zuhause anhören!“

„Komm sei friedlich … es ist Weihnachtszeit.“

„Zwischen Weihnacht und Neujahr zählt immer noch das alte Jahr - an Silvester beginn das neue, da ist nichts dazwischen!“

„Danke, Herr Lehrer!“

„Wir können ja mal zwischen den Jahren Urlaub machen.“

Und weil sich ihre Miene aufhellte, erklärte ich:

„Das wäre ein billiger Urlaub … nur einen Bruchteil einer Sekunde … zwischen 23 Uhr 59 und Null Uhr Null an Silvester.“

Sie hatte verstanden, zog ab, der Auflauf im Herd verlangte nach ihr.

Ich nahm die Tageszeitung und vertiefte mich im Sportteil.

Für die Fußballprofis beginnt jetzt die Winterpause, für die Wintersportler ist zwischen den Jahren natürlich Hochbetrieb.

Denken diese Schreiberlinge eigentlich darüber nach, was sie so auf die Leser loslassen? Ich sparte mir die Antwort, legte die Zeitung weg. Das Essen wurde aufgetragen. Sie kochte köstlich.

Das Weihnachtsfest war friedlich verlaufen, die Kinder zeigten sich mit ihren Geschenken zufrieden. Diverse Software, einen 32 Gigabyte USB-Stick und für die Kleine einen MP3 Player, das war einfach zu besorgen. Meine Frau konnte mich diesmal sogar überreden. die Christmette zu besuchen. Sie trug dazu die Halskette, die ich ihr am Anfang unserer Ehe geschenkt hatte.

Am 28sten verabschiedete sie sich für eine Tagesreise zu ihrer besten Freundin, die jetzt allein lebte. Sie ist ein guter Mensch, dachte ich.

Die Teenager besuchten Freunde, durften dort über Nacht bleiben. So hatte ich nur für die Kleine zu sorgen. Sie saß fröhlich auf der Couch, über den Ohrstöpsel fest verbunden mit ihrem MP3 Player. Von ihr war keine Störung zu erwarten.

Meinem Schulfreund Hannes wollte ich schon lange schreiben, er hatte eine schwere Operation hinter sich. Heilen könne man es nicht, nur behandeln, hätten die Ärzte gesagt. Als ich es erfuhr, wollte ich ihn gleich anrufen, Trost zusprechen. Aber wie denn? Es waren schon acht Monate vergangen.

Ich machte mich daran, den Brief zu schreiben, suchte dazu Fotos heraus von einem gemeinsamen Segeltörn vor zwanzig Jahren. Erinnerte mich an die Geschichte mit den Mädchen,  die wir am Strand getroffen hatten. Der Brief war auf einmal drei Seiten lang. Ich zerriss ihn. Schrieb ihm eine Karte mit dem Versprechen, ihn im neuen Jahr zu besuchen.

Und ich schrieb Johanna, die ich vor drei Jahren bei einer Anschlussheilbehandlung in Bad Mergentheim kennengelernt hatte. Es gab nichts mit ihr, aber meine Frau sprach immer von meinem Kurschatten. Sie hatte mir seither jedes Jahr eine Weihnachtskarte geschrieben. Ich antwortete anstandshalber mit Glückwünschen zum neuen Jahr und dem Satz Du hattest sicher eine fröhliche Weihnacht mit Deinem Mann und den Kindern. Ich wollte das längst einstellen. Jetzt schrieb ich doch wieder, erzählte von meiner Familie und dass ich diesmal in Ruhe berichten könne, weil meine Frau und die Kinder unterwegs wären. Nur die Kleine sei bei mir, sie lausche aber die ganze Zeit in ihren MP3 Player. Die letzten Sätze musste ich auf die Rückseite der Karte schreiben.

Dann nahm ich mir widerwillig die Rechnungen und Schreiben der Versicherungen vor. Bis Ende des Jahres galten noch günstigere Konditionen. Also musste ich es jetzt erledigen.

Es blieben nur wenige Tage dafür. Eigentlich nur noch der heutige Freitag, wenn die Post am Montag, den 31. eintreffen sollte.

Sonst, wenn ich unter Druck stand, geriet ich leicht in Panik, heute nicht, heute blieb ich ruhig, nahm mir die Zeit, zu meiner Tochter zu gehen, ihr über die Haare zu streichen. „Soll ich Dir einen Kakao machen?“

Ihr Nicken galt der Musik. Sie war glücklich mit dem Gerät.

Ich war glücklich. Meine Frau rief an, dass sie gut angekommen sei. Die beiden Großen riefen nicht an. Also war alles in Ordnung.

Ich überlegte, wem ich noch schreiben sollte. Dann klingelte das Telefon. Hannes war dran. Wir sprachen fast eine Stunde miteinander. Es fiel mir noch viel mehr ein, als ich schreiben wollte. Als wir auflegten war es Nachmittag. Zeit für ein Tässchen Tee, die Kleine war jetzt für einen Kakao zu gewinnen. Wir saßen einfach da und hatten Zeit für einander.

 

Am nächsten Morgen bereitete ich für mich und das Mädchen nur ein kleines Frühstück. Der Brief an die Versicherung sollte schon gestern raus. Aber es waren noch Fehler drin. Er musste neu geschrieben werden. Ich würde den Brief per E-Mail schicken und zusätzlich als Einschreiben, die Hauptpost sollte offen haben. Die Großen durften bei ihren Freunden zum Mittagessen bleiben, meine Frau wollte um 14:30 Uhr vom Bahnhof abgeholt werden. War da noch was?

Ich sah im Terminkalender in der Küche nach. Dort trugen wir alle unsere Termine ein. Da war nur 14:30 Uhr Ankunft und Abholen mit doppelten Ausrufungszeichen zu lesen. 

Über allem stand Freitag 28. Dezember. Ich hatte mich um einen Tag vertan, hatte einen ganzen Tag gewonnen. Gestern war erst der 27ste.

Am 2. Januar trafen wir alle wieder im Großraumbüro ein. Fast alle, zwei waren noch im Skiurlaub. Sven Meyer hatte in der Probezeit noch keinen Anspruch auf Urlaub.

„Morgen Sven!“

„Guten Morgen!“

„Die Zeit zwischen den Jahren gut genutzt?“

„Äh, ja!“

„Übrigens ich heiße Klaus, mit K, wie Karteikarte.“

„Okay, Klaus!“

Einer nach dem anderen schüttelten wir Sven die Hand, sagten unsere Vornamen und Gutes Neues oder Auf ein Neues.

Ich dachte, dass es die Zeit zwischen den Jahren doch gibt, eine Zeit des Innehaltens, neue Energien zu laden, die eigene Aura zu reinigen.

Es ist eine ganz besondere, nicht wie die restliche Zeit des Jahres. Sie kann nur Bruchteile einer Sekunde sein oder Tage.

Eben wie man sie geschenkt bekommt und wie man das Geschenk annimmt.                                                     

Bruno Woda, zwischen den Jahren geschrieben