Winterwünsche

 

Die Nacht hatte eine weiße Decke über die Weide gelegt.

Keine unschuldige Schneedecke, wie üblich um diese Zeit.

Eine Decke, die etwas verbarg.

Etwas, das gestern noch nicht da war. Das ihn beunruhigte.

 

Nicht weil er den Weg vom Haus zur Straße durch den Schnee stapfen musste, um Zeitung und Post vom Briefkasten zu holen. Er konnte sich nicht vorstellen, was es war, was da unübersehbar unter der Schneedecke lag.

Ein Betrunkener, der sich über die Felder verirrt hatte, vom heftigen Schneefall überrascht und im Schlaf erfroren, konnte es nicht sein. Das Etwas war deutlich größer. Und das Vieh von den Weiden war seit Wochen in die Stallungen getrieben.

 

Resi, seine Frau, war ebenfalls aufgewacht und schmiegte sich an ihn: „Wie schön, vielleicht werden wir weiße Weihnachten haben.“

Da sah er eine zweite Erhebung nicht weit von der ersten entfernt. Die Bettwärme seiner Frau konnte sein Erschauern nicht verbergen. Sie war zu ihm ans Fenster getreten. Sie fühlte, dass ihm fröstelte, wie seine Haut sich am Nacken zu winzigen Spitzen sträubte.

„Zieh dir was an, du frierst … du darfst jetzt nicht krank werden.“

Resi war von jeher etwas ängstlich. Und was ihn Schauern machte, sollte er ihr jetzt besser nicht zeigen. Erst musste er selbst herausfinden, was es damit auf sich hatte.

„Ich mach mich fertig, hol die Zeitung aus dem Kasten.“

„Dann geh ich inzwischen in den Stall und melke die Kühe, du kannst schon mal den Kaffee ansetzen.“

 

Die Küche ihres Bauernhauses hatte einen direkten Zugang zum Stall, wie es früher auf den kleinen Tegernseer Höfen üblich war. Man konnte den oberen Teil der Verbindungstür separat öffnen und in den Stall sehen. So hatten sie Blickkontakt zu den wenigen Kühen, die sie behalten hatten. Man kann sie fast von der Küche aus melken, scherzte er gerne. Sie hatten alle ihren eigenen Namen. Es waren noch neun.

Der Bauernhof auf halber Bergeshöhe, weit abseits der anderen Bergbauern, war ihnen beiden ans Herz gewachsen. Resi hatte dort ihre ganze Kindheit verbracht und war nur ungern zu ihrem Mann in die Stadt gezogen, als er die Anwaltskanzlei übernahm. Sie wohnten damals in einem siebenstöckigen Haus, ganz oben im Penthouse mit herrlichem Blick über das Land, in die Berge, in die untergehende Sonne und wenn sie früh genug aufstanden in ein Morgenrot, das die Berge glühen ließ.

 

Doch Resi schwärmte vom Bauernhof ihrer Kindheit und beide waren sich einig, dass sie im Alter dort hin zögen, wenn die Eltern verstorben und sie selbst im Ruhestand wären. Der Hof war nicht groß genug für zwei Paare. Resi war das einzige, späte Kind ihrer Eltern. Dass die Viehwirtschaft am Hof Schritt für Schritt zurückgeführt werden müsste, war ihnen klar. Ein paar Kühe wollten sie aber behalten, solange sie die Kraft hätten, sie zu melken, sie auf die Weide zu treiben.

 

Damals, als der Strom in ihrem Penthouse ausgefallen war, von allen Seiten der kalte Winterwind eisig durch die Fenster zog und obendrein noch der Aufzug defekt war, da wünschte sie sich nichts sehnlicher, als endlich auf dem kuscheligen Bauernhof zu leben.

Als Resi die schweren Einkaufstaschen die Treppe über die sieben Stockwerke hoch schleppen musste, hielt sie auf halber Höhe an, machte eine kurze Verschnaufpause.

Sie erschrak, wie sehr sie es sich wünschte, ihre Eltern lebten ja noch dort. Vater war schon ein Pflegefall geworden und klagte täglich, dass ihn Gott doch heimholen möge.

 

Dann hatte ihr Mann die Kanzlei verkauft. Sie planten mit dem Erlös den Bauernhof fürs Alter umzubauen, barrierefrei. Aber es erst anzugehen, wenn die Eltern verstorben seien. Vater hätte einem Umbau sowieso nicht zugestimmt. Er meinte immer, für die Großeltern war alles gut, für ihn war es gut und für Resi sollte es ebenso reichen. Sein Schwiegersohn sei ohnehin ein Stadtmensch, der könne nie und nimmer eine Kuh melken, sie solle sich diese Idee am besten ganz aus dem Kopf schlagen.

Resi liebte ihre Eltern und wenn sie von ihrem Tod sprach, dann niemals mit dem Gedanken, es möge bald geschehen. Eher es als eine natürliche, unausweichlichen  Konsequenz einzusehen, nicht aktuell, aber ernst genug, es frühzeitig zu bedenken.

Seit die Kanzlei verkauft war, beschäftigen sie diese Gedanken immer drängender. Sie schämte sich, mit dem Tod ihrer Eltern zu spekulieren. Sie wünschte beiden doch ein langes Leben.

 

Da kam die Nachricht, Vater sei von Gott erlöst worden. Jedes Mal, wenn sie dann die Mutter am Hof besuchten, versicherten sie ihr, dass sie im Haus bleiben könne, solange sie wolle. Aber falls es ihr lieber wäre, würden sie eine schöne Altersresidenz suchen. Dort hätte sie es halt leichter. Ein gepflegtes Augustinum war nicht weit weg, sie hätten sich erkundigt, dass da alles bestens sei.

Ich geh nicht weg von hier, ich geh nicht in ein Altersheim, war Mutters beständige Antwort darauf.

 

Ein Jahr nach Vaters Tod folgte Mutter ihm.

 

 

Nun lebten sie also fast ein Jahr auf dem Hof. Barrierefrei, im Ruhestand, zur Ruhe kamen sie nicht. Auch wenn es nur noch neun waren, die Kühe mussten gemolken werden.

Aus Liebe zu seiner Frau, vielleicht um zu beweisen, dass er das ebenso könne, hatte er melken gelernt. Meist tat es aber doch seine Resi. Dann bereitete er dafür das Frühstück, bis sie aus dem Stall kam. So teilten sie sich die Aufgaben. So auch heute.

Nur, dass es heute etwas zu ergründen gab, das er allein zu tun hatte, ohne sich mit ihr abzustimmen, gleich nach dem Frühstück.

Noch mit dem Eimer in der Hand stürzte Resi zurück in die Küche: „Es fehlen drei!“

Er starrte sie fragend an: „Was fehlt?“

„Lena, Lisa und Vroni sind nicht an ihren Plätzen!“

„Wo sollen die denn sein.“

„Die Stalltür ist verriegelt. Sie sind nicht da.“

Die beiden ließen das Frühstück stehen und liefen vor das Stalltor. Es war fest verschlossen, keine Spur entlaufener Kühe.

Sie sahen sich fragend an, keiner wusste eine Antwort.

„Was sollen wir tun?“

„Lass uns frühstücken, vielleicht gibt es eine Erklärung.“

„Wie denn, gestern Abend waren noch alle da.“

„Du wolltest doch einige abgeben, hast dir weniger Arbeit gewünscht.“

Er sah gleich ein, dass sie das jetzt nicht hören wollte.

„Überlegen wir in Ruhe, sie können sich ja nicht in Luft aufgelöst haben.“

„Sie sind nicht im Stall!“

 

Außer dem Stalltor gab es ein weiteres Türchen, das früher für Schweine und Schafe gedacht war, viel zu niedrig, dass eine Kuh durchpasste. Die Tür zur Küche wurde zwar nie abgesperrt, sie schlug aber zum Stall an, war also nicht so einfach aufzustoßen. Durch die Küche durften die Kühe nie.Und im Haus waren sie ja nicht.

 

Weil ihnen nichts Besseres einfiel, gingen sie in den Hof und räumten einen Weg zur Scheune. Natürlich konnten sie dort nicht sein, aber um etwas zu tun, suchten sie die Scheune ab. Und natürlich waren die Kühe nicht drin. Auch der Ausgang zum Feld war geschlossen. Dennoch ging er zur Tür und sah hinaus. Resi blickte sich weiter in der Scheune um.

 

Da sah er es wieder. Auf dem Feld hinter der Scheune war ein größerer Hügel unter der Schneedecke, der da nie war. Keine Schneeverwehung, größer als ein verlaufener Hund oder ein Reh oder ein Wildschwein. Rehe und Wildschweine hatte er hier bisher keine gesehen. Aber ganz unmöglich wäre es nicht. Das würde auch die anderen Erhebungen erklären. Er sollte den Förster anrufen, oder Franz, als Jäger könnte er dazu was sagen. Aber erst sollte er eine der Erhebungen selbst untersuchen. Vielleicht, wenn Resi mit Essenkochen beschäftigt ist.

Resi rief: „lass uns zurückgehen, in der Scheune ist keine Kuh.“

Das Telefon läutete, sein Sohn war dran, er wollte sie besuchen kommen. Wollte mit den Kindern die neuen, ihre ersten Skier ausprobieren. Auf seinem leicht abhängigen Feld ginge das doch am sichersten. Ob denn genug Schnee gefallen sei. Das wohl, aber dieses Wochenende wäre nicht so gut, besser nächste Woche, versuchte er seinen Sohn die Fahrt auszureden. Der ließ nicht locker.

„Gut, dann morgen, am Sonntag. Heute geht es wirklich nicht.“

 

Resi zitterte, als sie zurück in der Küche waren.

„Hilfst du mir beim Essenkochen?“

Für gewöhnlich machte sie das lieber allein, er würde nur alles durcheinander bringen. Heute flehte sie ihn fast an. Beide hatten sie keinen Appetit, keiner wollte es eingestehen. Stillschweigend bereiteten sie das Mittagsmahl. Sein Beitrag war wenig hilfreich, jede Schüssel musste sie ihm vorlegen, die Kartoffeln schälte er viel zu klobig, die Gurkenscheiben schnitt er zu dick. Resi nahm es ohne Tadel hin. Das Mittagessen zog sich, jeder ließ fast die Hälfte stehen, was sonst nicht ihre Art war. Dazu hatten sie die gleiche Ansicht. Heute hatte er ihr was voraus. Eine Sicht von etwas, das er noch ergründen musste.

 

Den ganzen Nachmittag hielt ihn Resi mit Ansinnen und Arbeiten bei sich, sodass ihm keine Zeit blieb, nach draußen auf das Feld zu gehen.

Es war ihm recht. Er konnte das da draußen auch morgen klären. Vielleicht mit seinem Sohn zusammen. Nein, besser vorher, damit die Kinder unbeschwert im Schnee tollen konnten.  

Am besten jetzt sofort Franz anrufen.

Resi hatte sich auf der Küchenbank zur Mittagsruhe ausgestreckt. Eine Zeremonie, die sie beide pflegten, seit sie hier am Hof lebten. Sie starrte aber mit offenen Augen zur Decke.

„Kannst du nicht schlafen?“

„Ich schlaf doch nie, ich ruhe immer nur.“

Eine regelmäßige Ausrede, mit der sie ihm sagen wollte, wie gut er es hätte, weil er sofort in tiefen Schlaf fallen konnte.

Heute hielt sie beide etwas wach. Ein Phänomen, das sie sich nicht erklären konnten, das aber schwerlich jemand anderem zu vermitteln war.

 

Franz, sein Freund seit Studienzeiten und Jäger, ging nicht ans Telefon. Er sprach ihm auf den Anrufbeantworter, doch heute noch zurückzurufen, ruhig bis spät in die Nacht.

Ihren Nachmittagskaffee nahmen sie genau so schweigend ein.

Den Kuchen, den sie tags zuvor gebacken hatte, vergaßen sie. Dann war die Zeit, die Kühe ein zweites Mal zu melken.

Die Angst kroch hoch: „Ich geh nicht allein in den Stall!“

„Ich kann sie doch auch melken.“

„Wir machen das zusammen!“

Resi nahm den Eimer und gab ihm den Melkschemel. Die restlichen Kühe empfingen sie mit ungeduldigem Muhen.

Fünf genau, so gründlich sie den Stall absuchten. Fünf.

Locki fehlte. Sie mussten die zweite Lampe anknipsen, weil Nanni und Locki sich so ähnlich sahen. „Locki fehlt!“

Als ob sie damit gerechnet hätten, als ob sie inzwischen mit allem rechneten, machten sie sich ans Melken. Vier Plätze blieben frei. Wo die, auf deren Plätze sie starrten, geblieben waren, darauf hatten sie keine Antwort. Wenn ja, wie konnte es erklärt werden?

Sie schütteten die Milch weg, die sie gemolken hatten, als sei sie verhext. Der Stall war das Hexenhaus, es hielt sie in Bann.

 

In der Küche klingelte das Telefon.

Franz versprach, nachdem er es erfahren hatte, gleich zu ihnen auf den Hof zu kommen.

Ein Freund, auf den Verlass war.

Die Stunde bis zu seinem Eintreffen saßen sie still. Spekulieren machte keinen Sinn. Es ergab alles keinen Sinn.

 

Resi hörte das Motorengeräusch als erste. Er hielt sie zurück, ging zur Hofeinfahrt, um Franz zu empfangen, ihm erst allein die Schneehügel zu zeigen. Da, im Blickwinkel hinter dem Geländewagen des Freundes, sah er einen neuen Schneehaufen, direkt hinter dem Zaun zur Weide.

 

Resi blieb im Haus und setzte frischen Kaffee für den Gast auf.

Franz hörte sich noch einmal die Geschichte an, um sicher zu sein, alles wie am Telefon verstanden zu haben. Es stimmte überein. Nur der Hügel war nicht so groß, als es am Telefon klang. Auch die beiden anderen waren kleiner, etwa zwei mal drei auf einen knappen Meter Höhe.

Franz machte sich daran, das Gatter zur Weide zu öffnen. Er hielt ihn zurück, zögerte noch. Aber dafür hatte er den Freund ja gerufen.

Er wollte erst eine Schaufel holen, doch Franz hatte einen Spaten im Geländewagen.

 

Schon nach den ersten Schaufeln Schnee war zu erkennen, dass es eine Kuh war. Es musste eine aus ihrem Stall sein. Das wenigstens war logisch. Welche es war, das hätte nur Resi mit Sicherheit sagen können, nur sie kannte sie so genau. Aber das tat jetzt nichts zur Sache. Mit einem Zweig vom Ginsterstrauch neben dem Zaun wischte Franz den Schnee vom Fell um den Kopf. Die Kuh hatte das Maul geöffnet, die geplatzten Aphten an den Lippen waren deutlich zu erkennen. Für Franz jedenfalls. Er wies an, den Kadaver nicht anzufassen, ging zum Auto und zog sich Gummihandschuhe über.

„Die anderen Hügel sehen wir uns gar nicht an. Ruf deinen Tierarzt, er soll gleich kommen. Es ist wichtig. Verdacht auf Maul-und Klauenseuche.“

 

Doktor Huber war sofort da. Seine Praxis lag zwei Höfe weiter. Er ignorierte die Schneehaufen und verlangte sofort in den Stall geführt zu werden. Franz sollte draußen bleiben. Der akzeptierte es etwas pikiert, schien jetzt aber ohnehin eine Tasse Kaffee bei Resi vorzuziehen.

 

Der Arzt sah sich die Kühe im Stall an, fragte nach ihrer Milchleistung der letzten Tage. Und mit Blick auf die leeren Boxen, ob das alle seien.

„Ja, die anderen … eine liegt da draußen unter der Schneedecke … am Gatter.“

Der Tierarzt maß den Kühen Fieber. Es war offensichtlich nicht erhöht.

„Die sind nicht auffällig … was war das mit der Kuh im Schnee?“

Als die solange zurückgehaltene Geschichte nun hemmungslos auf ihn einprasselte, mit fahrigen Hinweisen auf weitere Schneehaufen weiter weg auf der Weide und hinter der Scheune, dass seine Frau Resi davon noch gar nichts weiß und dass sein Freund Franz doch Jäger sei, unterbrach ihn Doktor Huber.

„Halt, halt, der Reihe nach. Wie viele Kühe haben bzw. hatten sie im Stall?“

„Neun!“

„Ich sehe fünf … was ist mit den anderen.“

„Die eine liegt tot am Gatter neben der Einfahrt, deswegen haben wir Sie ja angerufen.“

„Und die anderen?“

„Ja vielleicht unter den anderen Schneehaufen … aber das versuchte ich ihnen gerade zu erklären … ich weiß es doch selbst nicht.“

„Dann sehen wir mal nach der Kuh am Gatter.“

Die Wiederholung des Verdachtes, den Franz geäußert hatte, der ja Jäger sei und weswegen sie ihn doch angerufen hätten, das alles hörte sich der Tierarzt geduldig an. Aufgeregte Bauersleute, das kannte er, besonders wenn es um ihren Viehbestand ging.

Die aufgeplatzten Bläschen am Maul der erfrorenen Kuh hatte er schnell bemerkt. Ohne die Kuh zu berühren oder weiter freizulegen ging er zu seinem Auto, holte ein Köfferchen heraus und erklärte, dass er noch einmal in den Stall wolle, Proben zu nehmen. Vorsichtshalber. Er würde das alleine tun, sie sollten im Haus bleiben, vor allem die Kuh oder die Kühe draußen nicht anrühren.

 

Als er sich die Hände gründlich gewaschen und desinfiziert hatte, nahm er dankbar die angebotene Tasse Kaffee an.

Franz hatte Resi seinen Verdacht inzwischen erläutert. Sie schien völlig verwirrt.

„Die Kühe sind doch geimpft.“

„Warten wir die Virusanalyse ab. Die Kühe im Stall scheinen nicht krank zu sein. Ich habe Proben von der Mundschleimhaut genommen. Bevor ich losfahre, nehme ich Proben von der Kuh draußen am Gatter.“

Resi sah mit großen Augen in die Runde.

„Wie konnten die Kühe aus dem Stall kommen?“

Franz und Doktor Huber hielten sich mit dieser Frage nicht auf. Ihnen war der Befund der Proben wichtiger.

„Zunächst müssen wir eine Quarantänezone von drei Kilometern um den Hof festlegen.“

Franz ergänzte: „Und ihr dürft nicht raus und niemand reinlassen, bis ihr grünes Licht bekommt!“

Doktor Huber blickte Franz gnädig an, als er weiterreden wollte, unterbrach er ihn schon strenger: „Ich lasse ihnen ein Merkblatt mit den Verhaltensregeln da. Bitte nehmen sie das ernst. Niemand darf auf den Hof, nichts darf vom Hof weggebracht werden. Haben sie Schafe oder andere Tiere am Hof?“

„Nur Kühe, nur …“

 

Franz verabschiedete sich von seinen Freunden, nickte Doktor Huber kurz zu.

„Ruft mich an, wenn ihr Beistand braucht.“

 

Die Milch der verbliebenen, vielleicht gesunden Kühe musste vernichtet werden. Sie verlangten ja weiter abgemolken zu werden, die armen Tiere.

Kein Schmusen an ihnen, das wollte er Resi noch eintrichtern. Und strikte Desinfektion der Kleidung auch der Schuhe nach Verlassen des Stalles. Die Tür zur Küche musste mit Folie zusätzlich zur Verriegelung abgedichtet werden. Die Essenszeiten in der Küche würden still und traurig sein, ohne das vertraute Muhen durch die halb geöffnete Tür, wie bisher.

 

Dann kam die Nachricht: Es war kein MKS-Virus identifiziert worden weder von den Tieren im Stall noch von den Kühen unter den Schneehügeln.

So blieb ihnen das Keulen der verbliebenen Kühe erspart.

Der Sperrbezirk konnte aufgehoben werden. Die Bauern und Anwohner der Gegend waren beruhigt.

 

Resi nicht, die wichtigsten Fragen blieben unbeantwortet, ihr Mann gab sich gelassen.

 

Die letzten Schneewehen waren geschmolzen. Der Winterzauber wich dem beginnenden Frühling. Erste Krokusse kreisten um die Bäume am Hof. Die Milchleistung der verbliebenen Kühe forderte nur noch einmaliges Melken, morgens.

 

An den Abend des angehenden Frühlings setzten sie sich jetzt gerne auf die Bank hinter der Scheune, in Decken eingewickelt, und sogen die wärmenden Strahlen der noch schwachen Märzsonne auf.

Heute genossen sie es besonders. Der wolkenlose Abendhimmel schenkte einen großzügigen Sonnenuntergang.

Resi spürte ihren Mann an ihre Schulter rutschen. Er war eingeschlafen, röchelte leise vor sich hin. Sie hatte das liebgewonnen, es störte sie nicht, es gab ihr Gewissheit, nicht allein zu sein. Sie selbst konnte nicht so leicht in Schlaf fallen. Sie gönnte es ihm.

Auf dem Feldweg unter der Sonne sah sie Vater und Mutter die Kühe treiben, Lena, Lisa, Vroni und Locki. Vater hatte etwas wie einen Stock in der Hand, aus der Entfernung war es schlecht zu erkennen. Mutter ging in ihrer gebückten Haltung. Die Abendsonne warf lange Schatten. Die Eltern winkten ihr freundlich zu.

Sie war glücklich, sie liebte ihre Eltern und diese ihre Tochter doch ebenso.

Ihren Mann wollte sie jetzt nicht wecken. Die Sonne versank im Horizont. Es war dunkel geworden. Die Schatten gingen.

Sie kannten ihren Weg. 

 

Copyright Bruno Woda