Googelt Gott?

 

Zuerst fürchtete ich, der knorrige Herr im Büro der Friedhofsverwaltung würde ungehalten sein. Doch er zeigte mir den Platz des Grabes auf dem Friedhofsplan und erklärte mir sogar den Weg dorthin. Im Nu hatte ich es gefunden.

 Das Grab war sorgfältig gepflegt, ein Kerzenlicht flackerte in der massiven Ampel aus Gusseisen. Die Tote schien geliebt. Kein Laub lag auf dem Grab, wie überall sonst auf den anderen.

Um mich trauerte keiner. Ich war suspendiert, obwohl ich eine Ewigkeit stets zuverlässig meinen Dienst erfüllte. Nur ein einziges Mal war ich ganz kurz unaufmerksam gewesen, nur das eine Mal. Ich las die Inschrift auf dem Grabstein:

 

Viel zu früh und unerwartet

aus dem Leben gerufen,

für immer in unseren Herzen.

 

Ob Hermine es mir nachträgt? Seit dem Unglück hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihr. Und jetzt war mir der Auftrag ohnehin entzogen. Das Sorgerecht für ihre Seele lag in höheren Händen. Was wird man mir noch zutrauen?

 

Für Hermine wählte ich die schönste Rose vom Nachbargrab. Hermine akzeptierte die Rose, hieß mich willkommen, nahm mir meine Befangenheit. Fast wie in alten Zeiten tauschten wir unsere Gedanken aus. Soll einer sagen, mit dem Erlöschen der Gehirnströme sei der Mensch gestorben. Gut, nach weltlichem Recht darf er für tot erklärt werden.

Für mich war Hermine nicht tot. Das weltliche Recht hat eben seine Gesetze. Gottes Recht aber ist Gerechtigkeit. Und was gilt mir? Als Mittler zwischen Gott und der Welt. Zwischen Arbeitsrecht und Gerechtigkeit?

Hermine wies mir, wie es schien, keine Schuld zu, trug mir nichts nach. Ich war glücklich. Auch ein Schutzengel kann irdisches Glück empfinden. Die Pflege des Grabes durch die Friedhofsgärtnerei war gesichert, wie das kleine Firmenschild seitlich der Einfassung belegte. Ich konnte Hermine nun getrost dem ehrenden Andenken ihrer Familie überlassen.

 

Das Privileg, bei Bedarf menschliche Gestalt anzunehmen, hatte man mir vorerst nicht entzogen. In Gottes Diensten wird man nicht verstoßen, selbst wenn man gesündigt hat. Nach gründlicher Schulung und Requalifizierung könnte ich vielleicht weiter eingesetzt werden. Zunächst wohl eher nur für ältere Schutzbefohlene.

 

Im Café gegenüber der Friedhofsmauer war gerade eine Trauergesellschaft zugange. Der fröhliche Teil der Veranstaltung klang bereits an. Ich dachte, etwas Ablenkung würde mir jetzt gut tun. Also beschloss ich, an dem fröhlichen Treiben teilzuhaben und nahm die Gestalt eines alten Mannes an. Ich wurde an den Katzentisch, zu den Kindern aus der Trauerschar abgedrängt. Vielleicht hatte ich mir ein zu probates Aussehen als Opa gegeben. Anfangs fühlte ich mich etwas unwohl. Ich hatte keine Übung mehr im Umgang mit kleinen Kindern. Meine Sorge war unbegründet. Die Jüngsten tapsten mit ihren Fingerchen hektisch auf handlichen Bildgeräten, Nintendo las ich. Die etwas Älteren kicherten fröhlich zu den schrillsten Klingeltönen ihrer Handys. Einige glotzten zufrieden vor sich hin, mit Stöpseln in den Ohren. MP3 Player, wie mir eine Josie gnädig erklärte. Sie hätte ihren iPod zur Kommunion geschenkt bekommen. Zur Firmung wünsche sie sich einen Tablet PC in Pink, mit GoogleEarth. „Meinst Du, Gott kann googeln?“

Ich antwortete: „Gott kann alles!“

Josie war ein bemerkenswertes Kind. Freundlich, aufgeschlossen, sozial. Sie tauschte ihren iPod mit den Geräten der anderen Kinder, die ihrerseits Interesse zeigten. Josie hatte ihren Kakao ausgetrunken und die Ohrenstöpsel samt iPod wieder an sich genommen. Hüpfend tanzte sie durch den Saal, vorbei an der inzwischen bei Bier, Wein und Höherprozentigem zu ausgelassener Stimmung aufgelaufenen Trauergemeinde. Ich blickte ihr wehmütig, fast ein wenig verliebt hinterher. Als sie die Tür zur Straße öffnete - keiner der fröhlich Trauernden hatte es bemerkt - sprang ich auf, flog, wie man es einem Opa niemals zutrauen würde, zur Tür. Mein flehendes bleib stehen wurde vom grellen Quietschen der Bremsen eines Sattelschleppers übertönt.

 

In allerletzter Millisekunde konnte ich Josies rechten Arm fassen, riss sie vom Kotflügel des LKW. Josie blutete am linken Arm. Er hing wie der schlappe Flügel eines unter die Räder gekommenen Huhnes herab. Das konnte man heil machen. Ich drückte sie an meine Brust. Wir heulten beide.

 

Ein verstörter LKW-Fahrer, die bestürzte Mutter des Kindes und einige der Trauergäste standen um uns herum. Der Mann an der Seite der Mutter, offensichtlich Josies Vater, legte seine Hand auf meine Schulter.

„Danke, Sie sind ein wahrer Schutzengel!“