Weihnachten

(Hannes & Hermine)

 

 

Hermine begrüßte Lena mit einem freundlichen „Guten Morgen, schon ausgeschlafen?“ und musste sich über diesen Morgengruß im gleichen Augenblick doch sehr wundern.

 

Aber sofort wurde ihr Gruß mit einem aufgeweckten Geschnatter erwidert.

 

Sonst sprach sie eigentlich nie mit ihren Hühnern oder mit Lena, die sie vor ein paar Wochen von einer befreundeten Bauersfrau gekauft hatte. Lena sollte für das anstehende Weihnachtsfest noch gemästet werden, damit ihre Tochter mit Schwiegersohn und den beiden Enkelchen die Weihnachtslieder nicht mit knurrenden Mägen singen mussten.

Auch Hannes nicht.

Aber würde er überhaupt mitsingen?

Hermine steckte das erste Bällchen Maisbrei versonnen in Lenas Rachen.

Das fröhliche Schnattern wandelte sich in erstickendes Krächzen. Hermine blickte Lena entschuldigend an: „Tut mir leid, es ist doch wegen Weihnacht und für Elisa und Isabel.

Sie freuen sich immer so sehr auf das Weihnachtsfest bei den Großeltern.“

Und eine Weihnachtsgans gehörte nun mal dazu. Das war schon in ihrem Elternhaus so.

 

Gut, dass die Enkelkinder jetzt den flehenden Blick in Lenas Augen nicht sehen konnten. Sie hätten bestimmt keinen Bissen vom Weihnachtsbraten heruntergebracht.

Hoffentlich verrät Hannes nichts. Er macht halt gerne seine Späße mit den beiden Mädchen.

Aber seit ihrem Streit mit Hannes vor gut zwei Wochen sprachen Hermine und Hannes kein Wort mehr miteinander. Hannes machte zwar immer wieder einen Ansatz, so zu tun als wäre nichts gewesen, aber mit ihr nicht. Schließlich hatte er sie gekränkt.

Und Hannes war im Unrecht. Natürlich wollte er es nicht einsehen.

Hermine liebte ihn nach den vielen Jahren ihrer Ehe immer noch von Herzen. Ja sie ertrug geduldig seine Scherze, die sie schon hundertmal gehört hatte.

Und auch jetzt versuchte Hannes, sie immer wieder mit einem Scherz ins Gespräch zu holen.

Aber soo einfach nicht. Sie würde erst wieder mit ihm sprechen, wenn er sein Unrecht eingestanden und sich entschuldigt hätte. 

 

Vielleicht fing sie deshalb an, mit Lena zu sprechen. Wenn man so einsam, weit abseits des Dorfes wohnte und tagelang nur mit seinem Mann zusammen ist, mit dem man aber aus einsichtigem Grund gerade nicht sprechen konnte, dann fängt man schon mal an, mit sich selbst oder eben mit einem Haustier zu reden.

Die Verabschiedung von Lena nach der Fütterung fiel immer etwas kühler aus, als die Begrüßung. Eigentlich war sie nur von Hermines Seite herzlich: „Auf Wiedersehn mein Gänschen, bis zur Vesper.“

Lena starrte Hermine dann nur mit blöden Augen über ihren mit Maisbrei verklebten Schnabel an.

 

In die Stube gekommen, blickte Hannes sie fragend an, ohne ein Wort zu sagen.

Er spielte die Komödie mit. Oder war ihr Zusammenleben nicht schon auf dem Weg ins Drama?

 

Noch zehn Tage bis Weihnachten.

 

Die nahende Ankunft der Enkelkinder mit ihren Eltern gab Hermine zunehmend zu denken. Wenn Hannes und sie dann immer noch nicht miteinander redeten? Und bisher hatte er sich nicht entschuldigt. Wie sollte sie es den Kindern erklären, was sollte sie sagen? Hannes müsste es erklären, er ist der Mann. Und er ist der Schuldige.

So ganz genau wusste Hermine den Grund ihrer selbst aufgetragenen Schweigsamkeit nämlich nicht mehr.

Hannes hatte sich bestimmt schon Gedanken gemacht. Ja, sie war sicher, er würde sie nicht im Stich lassen. Und er würde dann ja seine Schuld eingestehen müssen.

Er würde sie wie jedes Jahr in den Arm nehmen und das Lied anstimmen: „Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen …“

Die Geschenke würden verteilt und Elisa und Isabel würden mit glänzenden Augen staunen, was das Christkind beschert hatte. Sie waren noch klein, genossen noch den Schutz kindlicher Illusionen, und Lenas Vorleben war ihnen ja nicht bekannt.

Auch dass Hermine bis zum baldigen Eintreffen der Familie wieder mit ihm reden würde, war noch nicht ausgemacht. Seine gut gemeinten Scherzchen konnten Hermines Seele nicht erweichen. So lange hatten sie noch nie gestritten. Obwohl, er stritt ja gar nicht. Er versuchte doch immer wieder, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Aber es half nichts.

Und allmählich wurden seine Bemühungen und Einfälle, Hermine noch umzustimmen, immer mutloser.

Heiliger Abend.

 

Lena ist schon eine geraume Zeit gerupft und ausgenommen und liegt mit Maronen gefüllt auf dem Ofenblech zum Braten bereit im kühlen Vorratsraum neben der Küche.

Hermine und Hannes gehen jeder für sich schweigend mit bedrücktem Gesicht im Haus umher. Es ist Kummer in ihren Blicken und ein verlegenes Flehen um Erlösung.

Hermine ist mit den letzten Vorbereitungen in der Küche beschäftigt.

Hannes muss noch den letzten Feinschliff am Christbaum vornehmen. Diesmal sieht er etwas trauriger aus als letztes Jahr. Obwohl er sich viel mehr Mühe gegeben hat.

 

Da merkt er, dass sein Geschenk für Hermine nicht unter dem Baum liegt. Er ist sich ganz sicher, er hatte es kurz vor dem Frühstück neben das blaue Päckchen für Isabel gelegt.

Die Kinder werden gleich kommen, es ist schon kurz vor sechs. Vielleicht hat ja der Zug etwas Verspätung.

Hatte Hermine etwa die Neugier gepackt und sie hat heimlich in das Päckchen geschaut? Sie ist zwar eine ehrliche Seele, doch schon ein bisschen neugierig.

Damit kann er aber gut leben, besser als mit ihrer Dickköpfigkeit, Zwilling eben, man muss immer zwei überzeugen.

 

Nein unter den anderen Geschenken liegt es auch nicht. Hannes öffnet alle Schranktüren und Schubladen, um sie enttäuscht gleich wieder zu schließen.

Hermine kommt herein und schaut mit verwundertem Blick auf Hannes Umtun, beherrscht sich aber gerade noch, etwas zu sagen. Und verschwindet wieder in ihre Küche.

 

Hannes muss klare Gedanken sammeln; er öffnet die Tür zur Veranda und tritt hinaus, vielleicht tut ihm die frische, kühle Weihnachtsluft gut. Vom Dorf riecht es nach Holzfeuer, vermischt mit den Düften der ersten Festtagsbraten.

Als Hannes den Raum wieder betritt, verspürt er eine seltsame Stimmung. Es ist viel wärmer im Zimmer, obwohl ein Hauch frischer Luft von der Tür her zu spüren ist.

Es ist fast still. Auch von der Küche her keine Geräusche. Nur ein ganz sanftes Schwingen, wie von zarten Händen angeregter Harfenseiten ist zu vernehmen.

Hermine ist nicht im Raum.      
Hannes fühlt, dass er nicht alleine ist.   
Aber er ist nicht beunruhigt. Ein glückseliges Vertrauen erfüllt sein Herz. Er verspürt keine Furcht, keine Sorge, nur Hoffnung und tiefe Zuversicht.

Wie lange er so verharrte, weiß Hannes nicht zu ermessen. Es kann nicht sehr lange gewesen sein.

Ein Windzug zwingt die Tür zur Veranda ins Schloss. Hannes sieht nun eine Schublade des Wohnzimmerschranks leicht offen stehen. Er ist sich ganz sicher, er hatte in alle hineingesehen und sie auch bestimmt wieder zugemacht. Hannes will der guten Ordnung halber die Schublade wieder schließen, sieht jedoch kurz hinein und entdeckt sein Geschenk für Hermine.

Während er es zurück zum Weihnachtsbaum zu den anderen Päckchen legt, kommt es ihm wie ein Engelswink. Auf einmal ist alles so einfach.

 

Hermine betritt den Raum, blickt auf die Standuhr und dann verlegen aber auch besorgt zu Hannes.

Hannes öffnet nun von Neuem bedächtig eine Schublade nach der anderen, ein Schranktürchen ums andere, um sie sofort – nach einem gründlich suchenden Blick ins Innere wieder zu schließen.

Gleich müssen die Kinder kommen, Hermine tritt ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

Plötzlich platzt es aus ihr heraus: „Was suchst Du denn?“

Und Hannes sanft und erlöst: „Deine Stimme… Ich hab sie wieder gefunden.“

Hannes und Hermine fallen sich in die Arme und beinahe hätten sie das Klingeln der Kinder an der Haustür überhört.

 

Das Fest nimmt seinen Lauf, die Geschenke werden verteilt und mit freudigem „oh“ und „ah“ aufgenommen.   

 

Auch Lena trägt zu aller Wohlbefinden bei.

 

Der Weihnachtsabend läuft schneller ab, als man es sich der glücklichen Stimmung wegen gewünscht hätte. Viel schneller als die schweigsamen Adventstage zuvor.

Fröhlich singen sie gemeinsam Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen. Und nach der Strophe …zwei Engel sind hereingetreten, kein Auge hat sie kommen sehn, sie gehen zum Weihnachtstisch und beten und wenden wieder sich und gehen… scheint die Zeit doch ein wenig stehen zu bleiben.

Hannes verspürt noch einmal diese wohlige, warme Geborgenheit und ein unendliches Vertrauen.

Als ob Engel die göttliche Botschaft in den Raum brachten: „Segen über die Menschen, die sich lieben!“

Hermine wundert sich wohl über den seltsamen Glanz in den Augen ihres Mannes.

Und Hannes unhörbar leise: „Danke“

 

aus dem Kurzgeschichtenband: Bruno Woda, Feste feiern, wohin sie fallen, ImPrint Verlag, Münster, 3. Auflage, 2013